Das Werk

»Seitdem die todbringende Waffe ein Industrieprodukt ist, kehrt sie sich gegen die Menschheit«  (1. Akt, Szene 29)

Karl Kraus

(1874 - 1936) war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er war Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker sowie vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille. (Wikipedia)

Die letzten Tage der Menschheit

Die Tragödie des 20. Jahrhunderts nahm am 28. Juni 1914 ihren Anfang und jährt sich 2014 zum 100. Mal. Die Ermordung des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajewo durch Gavrilo Princip, Mitglied einer nationalistischen bosnisch-serbischen Bewegung, löste eine Kettenreaktion aus, in deren Folge es zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs kam.

»Krieg ist Krieg...«

Karl Kraus schrieb 1915-1922 sein Mammutwerk »Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in fünf Akten mit einem Vorspiel und einem Epilog« unter dem Eindruck dieses Krieges. In einer Folge von 220  lose zusammenhängenden Szenen, die oft authentische Quellen nutzen, spiegelt sich die Absurdität, die menschlichen Abgründe, der Zynismus und die Brutalität dieses ersten modernen Krieges wider, eines Krieges, der mit Bajonetten anfing, in dessen Verlauf das Töten durch Giftgas, U-Boote, Panzer, Maschinengewehre und Flugzeuge erstmals eine großindustrielle Dimension bekam.

Das Stück begleitet den Krieg meist weit hinter den Fronten – der Krieg im Spiegel des Hinterlandes. Hauptschauplatz ist Wien, einige Szenen spielen in Berlin und an einzelnen Frontabschnitten (z.B. Verdun). Die Bomben fallen immer anderswo – das Leben geht scheinbar weiter wie gewohnt.

Fünf Akte, fünf Kriegsjahre

»Wer in diesem Krieg nicht reich wird, verdient nicht, ihn zu erleben« (5. Akt, Szene 50)

Fünf Akte und fünf Kriegsjahre – jeder der Akte (sowie das Vorspiel) beginnt am Wiener Ringstraßenkorso, an der Sirkecke. Stets dabei: Zeitungsausrufer, außerdem vier Offiziere, meist auf dem Weg zu irgendeinem Kaffeehaus, die über die aktuelle politische Lage sprechen. Hinzutreten jeweils weitere Akteure. Während im ersten Akt die vorbeiziehenden Soldaten bejubelt werden, die Bevölkerung kriegsbegeistert und hysterisiert, »Serbien muss sterbien« johlend, sind es im zweiten Akt die Kriegsgewinnler, die Agenten und Wucherer, ein Berliner Schieber, für die der Krieg Geschäft bedeutet. In den späteren Akten drängt sich der Krieg und seine Folgen – die Krüppel und die Invaliden – immer mehr als Störfaktoren in die Kulissen, im fünften Akt als »Spalier der Verwundeten und Toten« – der Krieg war im Hinterland angekommen.

Das Projekt

Karl Kraus’ umfangreiches Werk in die Form einer Graphic Novel zu übersetzen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Deshalb ging es zunächst darum, diesen Text zu kürzen und die wesentlichen Gedanken herauszuarbeiten, ohne das Gesamtbild aus dem Auge zu verlieren. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir dem großen Werk nicht in allen Aspekten gerecht geworden sind, und nicht jeder wird mit der von uns getroffenen Auswahl einverstanden sein. Wir haben versucht, Szenen wegzulassen, die wir für weniger aussagekräftig und zentral hielten oder die für heutige Leser ein zu hohes Maß an zusätzlichen Erklärungen erforderlich gemacht hätten. Unser Leitgedanke war weniger der des Historikers, als der des zeitgenössischen Lesers, der immer wieder überrascht sein wird über den Scharfsinn, die Hellsichtigkeit und die Modernität des großen Satirikers.

Kraus nutzte häufig phonetische Transkriptionen, um so möglichst genau die Sprechweisen und oft falsch verwendeten Ausdrücke wiederzugeben. Der Wiener Jargon dieser Zeit ist für heutige Leser nicht immer verständlich. Wir haben uns bemüht, so viel als möglich von diesem Idiom zu erhalten, uns aber die Freiheit genommen, da und dort Schreib- und Ausdrucksweisen den heutigen Standards anzupassen, um den Text leichter lesbar zu machen.